Buchbesprechung

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Streuobstwirtschaft – Aufbruch zu einem neuen sozial-ökologischen Unternehmertum

oekom Verlag

Erkläre mir die Streuobstwiese und verstehe die ganze Welt

Schon im Vorwort wird der Anspruch postuliert, der sich durch die ganzen knappen 200 Seiten des Buches zieht: Eine – auch wirtschaftlich – erfolgreiche Streuobstbewirtschaftung ist nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich. Die Grundlage dafür soll ein sozialökologisches Unternehmertum sein. Was genau das ist und warum gerade diese Art zu wirtschaften sich perfekt für die erfolgreiche Streuobstbewirtschaftung eignet, wird in 5 Kapiteln und 5 Reflexionen mit dem Praktiker und Unternehmensberater Martin Barde und seiner Frau und Mitstreiterin Meike erörtert.

Grundtenor ist: „Wirtschaft“ und „Wirtschaftlichkeit“, sollen aus dem Diktat der gängigen Wirtschaftswissenschaften herausgelöst werden und auch andere Parameter als die üblichen Kennzahlen (zum Beispiel: Rendite, Stückkosten, etc.) heranziehen. Auf den Streuobstgarten bezogen wird schon gleich zu Beginn postuliert, dass ein Apfel eben nicht gleich ein Apfel ist. Er ist die Summe seiner Eigenschaften, die auf Sorte, Unterlage, Bewirtschaftungsmethode, Einflüssen der Flora und Fauna etc. beruhen. Diese Eigenschaften kommen nach Ansicht der Autoren in der heute gängigen Betriebswirtschaft nur selten „in die Rechnung“ hinein. Stattdessen geht es um das austauschbare Produkt „Apfel“, dass nach „Kochrezept“ in genau getakteten und auf Ertrag optimierten Niederstammanlagen produziert wird. Mit all seinen Folgen für die Umwelt, die KonsumentInnen und letztlich auch die BewirtschafterInnen. Im Grunde ist es egal, ob die produzierte Ware Apfel, Waschmaschine oder Laptop heißt, die Grundregeln für den wirtschaftlichen Erfolg sind die Gleichen.

Dem stellen die Autoren ein anderes Denkmuster entgegen: Die Möglichkeit einer Wirtschaft die sich an der Vielfalt der Natur mit ihren zahlreichen Wechselwirkungen orientiert. Dafür müssen allerdings auch die Denkmuster der letzten 300 Jahre der Ökonomie durchbrochen werden. Was heißt Wirtschaft? Was heißt Natur? Was ist ein Unternehmer? Was wäre demnach eine sozialökologische Wirtschaft? Und wie könnte die aussehen?

Das Credo des Buches lautet also: Es geht auch um die eigene Mündigkeit, darum sich das „Wirtschaften“ wieder zurückzuholen. Die „richtigen Dinge“ zu tun, statt der „notwendigen“, deren Notwendigkeit von anderen festgelegt wird, die meist kaum einen fachspezifischen Hintergrund haben und von höheren Dogmen geleitet werden.

Ein hehrer Anspruch, der natürlich in der Kürze kaum abzuarbeiten ist. Dennoch finden sich sehr interessante Aspekte:

Gleich im 1. Kapitel findet sich zum Beispiel eine sehr gute Definition was Streuobstwiesen ausmacht wieder (die sehr ähnlich der österreichischen Streuobstdefinition ist). Daran wird richtigerweise gleich angeschlossen, dass Streuobstwiesen oft romantisierend mit einer „wirtschaftsfernen“ (=unrentablen) Praxis assoziiert werden. Sie per se als platzverschwenderisch, aufwendig in der Pflege und unrentabel im Ertrag erscheinen. Die positiven Eigenschaften in Bezug auf Biodiversität, Sortenvielfalt, als Platz zum Lernen und Leben, ermöglichen ihr aber ein Überleben als romantisierendes Disneyland eine (noch) heilen, biodiversen Welt. Ein „Werbegag“, ein Sujet, mit dem dann andere reüssieren. Die teils sehr pointiert geschriebenen Zeilen, treffen die Situation und werden sicher nicht nur in Deutschland so empfunden.

Aus dieser Analyse heraus versucht das Buch den Obstgarten und seine menschlichen „BewirtschafterInnen“ aus dem doppelten Würgegriff von Romantik und Rendite zu befreien. Dies wird anhand von praktischen Beispielen und theoretischen Absätzen diskutiert.

Wer allerdings konkrete Handlungsanleitungen, also einen Leitfaden für die oben genannte sozialökologische Wirtschaftsweise gesucht hat, der wird enttäuscht. Im Buch finden sich aber zahlreiche und gut ausformulierte Aspekte und Analysen, inwiefern und unter welchen Bedingungen eine „wirtschaftlich erfolgreiche“ Streuobstbewirtschaftung möglich sein könnte. Sozusagen als Checkliste zur Selbstermächtigung.

Mehr kann man von 200 Seiten zu einem komplexen und kontroversen Thema aber auch nicht erwarten. Selbst Denken, selbst Tun und selbst Wirtschaften ist also gefragt. Ganz im Sinne der sozialökologischen Wirtschaftsweise also.

Abschließend noch was Persönliches: Unglaublich erscheinen der Autorin dieser Zeilen allerdings, wie ein Buch, das noch keine 2 Jahre alt ist, aufgrund der laufenden Pandemie, und der daraus erwachsenden gesellschaftspolitischen Veränderungen, fast schon wieder bieder daherkommen kann, obwohl es so viel Sprengkraft enthält, wenn es mit dem nötigen offenen Horizont gelesen wird.

Es zeigt, dass das Kleine mit dem Großen zusammenhängt und nie unabhängig voneinander gelesen und verstanden werden kann. Dieser Frage wird sich auch die postulierte sozialökologische Wirtschaftsweise im Streuobstgarten irgendwann einmal stellen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Das Buch wurde rezensiert von Katharina Varadi-Dianat

Bibliographie:

Martin Barde, Lars Hochmann: Streuobstwirtschaft – Aufbruch zu einem neuen sozial-ökologischen Unternehmertum, 2019; Verlag oekom (Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, München, D)

ISBN:978-3-96238-092-2

https://www.oekom.de/buch/streuobstwirtschaft-9783962380922

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